Hoffnung für Autisten?

Eine Studie zeigt: Ein Entwässerungsmittel, das Ärzte eigentlich bei Herz- und Nierenproblemen einsetzen, könnte die Symptome von Autismus lindern.

Mädchen ist abwesend © Thinkstock
(Marseille – 12.12.2012 ) Autistische Kinder könnten möglicherweise von einem Medikament profitieren, das eigentlich als Entwässerungsmittel genutzt wird. Darauf deuten die Ergebnisse einer kleinen Studie französischer Forscher hin. Darin hatte der Wirkstoff Bumetanid die Symptome der Entwicklungsstörung soweit abgemildert, dass die behandelten Kinder besser am sozialen Leben teilnehmen konnten. Zurückzuführen ist diese Wirkung vermutlich auf die Fähigkeit des Medikaments, das Gleichgewicht der Nervenaktivität im Gehirn der Kinder positiv zu beeinflussen, berichtet der Online-Dienst der Fachzeitschrift „Science“.

Übererregung im Gehirn

Im Fokus der Forscher um Yehezkel Ben-Ari vom Institut für Neurobiologie des Mittelmeers (INMED) stand der Hirnbotenstoff GABA. Er ist eigentlich dafür zuständig, überaktive Nerven im Gehirn zu beruhigen. Dazu dockt er an spezielle Erkennungsstellen an den betreffenden Hirnzellen an und blockiert oder dämpft deren Signalweiterleitung. GABA steht schon länger im Verdacht, bei Autismus nicht sein volles Potenzial entfalten zu können. Die Folge ist ein Übergewicht erregender Nervenimpulse im Gehirn, das zumindest mitverantwortlich für die Kernsymptome einer autistischen Störung sein könnte: eine gestörte Kommunikationsfähigkeit und Schwierigkeiten bei zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen.

Eltern berichten: Kinder wirkten weniger abwesend

Bumetanid scheint genau in diesen Regelmechanismus einzugreifen. Das legen nun die Ergebnisse der französischen Wissenschaftler nahe. Sie hatten für ihre Studie 30 autistischen Kindern im Alter zwischen drei und elf Jahren drei Monate lang täglich den Wirkstoff verabreicht.  

Nach Ablauf der Studiendauer bewerteten sie das Verhalten der Kinder mithilfe einer 60-Punkte-Skala. Im Vergleich zu vor der Behandlung erreichten die kleinen Probanden danach im Schnitt knapp sechs Punkte mehr auf der Skala. Obwohl das ein relativ geringer Effekt war, wirkte sich die Veränderung merklich aus: Die Eltern berichteten beispielsweise, dass ihre Kinder während der Studie weniger abwesend gewirkt und sich mehr auf andere eingelassen hätten.

Wirkung in Niere und Gehirn

Zugelassen ist Bumetanid eigentlich als sogenanntes Diuretikum, besser bekannt als Entwässerungsmittel, für Menschen mit Herzinsuffizienz oder Nierenproblemen. Dass die Forscher es dennoch in der Autismus-Studie einsetzten, liegt daran, dass es in gewisser Weise ähnlich wie GABA wirkt. Denn der entwässernde Effekt von Bumetanid basiert darauf, dass das Medikament verschiedene molekulare Transportsysteme in der Niere hemmen kann. GABA hemmt ebenfalls Transportsysteme, allerdings im Gehirn. Die Forscher vermuten daher, dass Bumetanid die dämpfende Wirkung von GABA verstärkt.

Forscher wollen Ergebnis in größerer Studie überprüfen

Ben-Ari und seine Kollegen wollen jetzt in einer größeren Studie testen, ob sich das Ergebnis bestätigen lässt. Falls ja, wäre das ein weiterer Hinweis darauf, dass ein gestörtes Gleichgewicht zwischen erregenden und dämpfenden Signalen im Gehirn tatsächlich eine wichtige Rolle bei Autismus spielt. Künftig könnten dann möglicherweise noch gezielter Medikamente entwickelt werden, die dieses Gleichgewicht wiederherstellen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 12.12.2012
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: dapd
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