Stress im ersten Lebensjahr

Eine Studie zeigt: Stehen Mädchen während des ersten Lebensjahres unter Stress, leiden sie später öfter unter Depressionen oder Ängsten als Gleichaltrige.

Mutter mit Kind © Thinkstock
(London – 12.11.2012) Leiden Mädchen in ihrer frühesten Kindheit unter Stress, sind sie als Jugendliche und Erwachsene anfälliger für Depressionen und Ängste. Das haben US-amerikanische Forscher in einer Langzeitstudie mit 57 Kindern herausgefunden. Demnach führt Stress im ersten Lebensjahr – zum Beispiel durch überforderte Mütter – zu einer langfristig höheren Konzentration des Stresshormons Cortisol im Körper. Im Gehirn verändere sich dadurch die Verknüpfung zwischen zwei Hirnarealen, die für Gefühle und die Gefühlskontrolle zuständig seien, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature Neuroscience“. Als junge Erwachsene litten Frauen mit einer verringerten Verknüpfung zwischen diesen Gefühlsschaltkreisen häufiger unter Depressionen oder Ängsten als Gleichaltrige.

Wieso der Effekt nur bei Frauen so deutlich auftritt, ist bisher unklar

„Bei Frauen hinterlässt früher Stress und der dadurch erhöhte Cortisol-Spiegel einen klaren Abdruck im Gehirn“, konstatieren Cory Burghy und ihre Kollegen von der University of Wisconsin-Madison. Dies sei die erste Studie, die Hinweise darauf liefere, warum Stress in der frühen Kindheit später im Leben Depressionen fördern könne. Warum dieser Effekt nur bei Frauen so deutlich auftrete, sei noch unklar, sagen die Forscher. Es könnte sein, dass der Stoffwechsel von Mädchen sensibler auf frühkindlichen Stress reagiert. Möglicherweise wirkt sich dieser bei ihnen auch stärker auf die Aktivität bestimmter Gene aus.

Überforderte Mütter geben Stress an Kinder weiter

Für ihre Studie hatten die Forscher 57 heute 18-Jährige untersucht, die seit ihrer Geburt an einer Langzeitstudie teilgenommen hatten. Im Rahmen der Studie waren für alle Teilnehmer in ihrem ersten Lebensjahr psychologische Daten erhoben worden. Aus diesen ging unter anderem hervor, ob die Mütter mit der Sorge um die Kinder überfordert waren oder nicht und ob es Beziehungsprobleme bei den Eltern gab. Säuglinge bekommen solche Probleme und Konflikte unbewusst mit und reagieren darauf mit Stress.

Mit viereinhalb Jahren wurde bei allen Kindern eine Speichelprobe entnommen und darin der Gehalt des Stresshormons Cortisol bestimmt. „Bei den Mädchen hatten diejenigen mit mehr Stress im ersten Lebensjahr auch als Viereinhalbjährige noch höhere Cortisol-Spiegel“, berichten die Forscher. Dies war unabhängig von der aktuellen Stressbelastung der Kinder messbar.

Studien-Teilnehmer mit 18 Jahren erneut untersucht

Als die Jugendlichen ihr 18. Lebensjahr erreichten, testeten die Forscher erneut mittels Fragebogen den psychischen Zustand der Teilnehmer und unterzogen sie zudem einem Hirnscan. Bei diesem bestimmten sie die Ruhe-Aktivität in den Mandelkernen, also in den Gefühlszentren des Gehirns, und im präfrontalen Cortex – der Hirnregion, die für die Kontrolle von Impulsen und Emotionen zuständig ist. Aus dem Vergleich dieser Werte lasse sich ablesen, wie gut beide Areale miteinander verknüpft seien, erklären die Forscher.

Gefühlsschaltkreise bei depressiven Frauen schwächer verknüpft

Das Ergebnis: Bei Frauen, die als Kind einen erhöhten Cortisol-Spiegel hatten, waren die beiden Gefühlsschaltkreise schwächer verknüpft als bei Frauen mit geringeren Cortisol-Werten. Gleichzeitig gaben diese jungen Frauen auch vermehrt an, unter Depressionen oder Ängsten zu leiden. Dieser Zusammenhang sei unabhängig vom gegenwärtigen Stressniveau oder Cortisolspiegel nachweisbar, berichten die Forscher. Bei den männlichen Teilnehmern sei dieser Zusammenhang dagegen nicht zu finden.

„Unsere Ergebnisse zeigen eine überzeugende Entwicklungskette von frühkindlichem Stress über die Cortisol-Spiegel in der Kindheit bis hin zu Veränderungen in der Gehirnfunktion bei den jugendlichen Frauen“, sagen Burghy und ihre Kollegen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 12.11.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: dapd
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