Tourette-Ticks auf der Spur

Ein Experiment mit gesunden Probanden liefert Hinweise, wieso Menschen mit Tourette-Syndrom unwillkürlich Bewegungen und Laute nachahmen.

Forscherin bei der Arbeit © Thinkstock
(Amsterdam – 31.10.2012) Auch Gesunde können plötzlich die seltsamen Ticks und Bewegungen von Tourette-Kranken entwickeln – wenn ein bestimmtes Areal ihres Gehirns durch Magnetfelder gereizt wird. Das zeigt ein Experiment von Forschern der Universität Düsseldorf, an dem Kollegen aus Hamburg und Melbourne mitwirkten. Sie hatten untersucht, wo im Gehirn das beim Tourette-Syndrom häufige Echophänomen ausgelöst wird. Beim Echophänomen, einer Sonderform der Ticks, ahmen die Betroffenen unwillkürlich Bewegungen und Laute anderer Menschen nach.

Dieses Verhalten konnten die Forscher im Experiment auch bei ihren gesunden Probanden auslösen, wenn sie ein an der Bewegungssteuerung beteiligtes Hirnareal reizten. Dieses Ergebnis deute darauf hin, dass dieses Hirnzentrum nicht nur Ticks, sondern auch das Echophänomen auslöse, berichten die Forscher im Fachmagazin „Cortex“.

Etwa 300.000 bis 500.000 Erwachsene mit Tourette-Syndrom in Deutschland

Die Erkenntnis aus dem Experiment könnte dazu beitragen, das Tourette-Syndrom besser zu verstehen und damit zukünftig auch Menschen mit dieser Störung besser behandeln zu können. In Deutschland sind nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie rund 300.000 bis 500.000 Erwachsene vom Tourette-Syndrom betroffen.

Menschen, die am Tourette-Syndrom leiden, führen häufig schnelle, unwillkürliche Bewegungen aus: Sie zucken beispielsweise mit der Schulter, reißen den Arm hoch oder nicken mit dem Kopf, ohne dass sie diese Bewegungen kontrollieren können. Einige dieser Bewegungen und Laute ahmen das Verhalten anderer Menschen nach, die sich gerade im Blickfeld des Betroffenen befinden.

Echophänomen bisher wenig erforscht

„Die Ursachen und Mechanismen dieses Echophänomens sind bisher kaum untersucht worden“, erklären Jennifer Finis von der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und ihre Kollegen. Man weiß zwar, dass die sogenannte supplementär-motorische Rinde (SMA), ein an der Bewegungssteuerung beteiligter Hirnbereich, für die normalen Ticks eine Rolle spielt. Ob auch die tourettetypische Nachahmung von Lauten und Bewegungen dort ihren Ursprung hat oder auf einen anderen Mechanismus zurückgeht, ist bisher jedoch ungeklärt.

Magnetfelder stören oder stimulieren Gehirnareale

Für ihre Studie unterzogen die Forscher 30 gesunde Freiwillige einer sogenannten transkraniellen Magnetstimulation (TMS). Eine an den Kopf gehaltene Sonde sendet dabei wiederholt starke Magnetpulse aus. Je nach Dauer der Pulse regen diese entweder die Aktivität des angepeilten Gehirnbereichs an oder aber legen sie lahm. Bei 15 Probanden stimulierten die Forscher durch diese Methode die supplementär-motorische Rinde, bei den restlichen 15 störten sie deren Funktion. Jeweils vor und nach der TMS zeigten die Forscher den Probanden drei verschiedene Videoclips, in denen ein Mensch eine spontane Bewegung durchführte: Der Akteur zog beispielsweise eine Augenbraue nach oben, zuckte mit dem Mund oder bewegte die Augen. Die Reaktionen der Teilnehmer wurden mittels Kamera gefilmt und hinterher ausgewertet.

Bewegungen werden nach Gehirnstimulation vermehrt nachgeahmt

Das Ergebnis des Experiments: Die Probanden, deren supplementär-motorische Rinde stimuliert worden war, ahmten die im Video gesehenen Bewegungen häufig unwillkürlich nach: Sie imitierten die Aktionen dreimal so häufig wie vor der Stimulation. Bei den Teilnehmern, bei denen die Funktion dieses Hirnareals blockiert wurde, änderte sich nichts.  

Das Experiment liefere damit erste Hinweise darauf, dass die supplementär-motorische Rinde tatsächlich an beiden Tickformen beteiligt sei, sagen die Forscher. Als nächstes wollen sie testen, ob sich mit der transkraniellen Magnetstimulation möglicherweise die Ticks und Echophänomene bei Tourette-Patienten mildern lassen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 31.10.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: dapd
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