Gen für Internetsucht?

Forscher entdeckten eine bestimmte Genmutation, die bei der Entwicklung von Internetsucht eine Rolle spielen könnte.

Frau am Laptop © Thinkstock
(Philadelphia – 30.08.2012) Eine Genmutation könnte manche Menschen anfälliger für Internetsucht machen. Sie verändert den Stoffwechsel wichtiger Signalstoffe im Gehirn und fördert dadurch das suchttypische Verhalten, wie ein deutsches Forscherteam jetzt erstmals nachgewiesen hat. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Internetsüchtige häufiger diese Mutation tragen als Menschen, die Onlinemedien in normalem Maß nutzen.

„Es zeigt sich, dass Internetsucht kein Hirngespinst ist“, sagt Erstautor Christian Montag von der Universität Bonn. Ähnlich wie bei Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit gebe es offenbar auch bei der Internetsucht molekulargenetische Zusammenhänge. Bestätige sich dies in weiteren Studien, könne diese Mutation auch als Marker dienen, um das Online-Suchtverhalten zu diagnostizieren und besser behandeln zu können, berichten die Forscher der Universitäten Bonn und Mannheim im Fachmagazin „Journal of Addiction Medicine“.

Wenn das Internet das Leben bestimmt

Als internetsüchtig gilt ein Mensch, der nicht mehr ohne das Internet und die Onlinemedien auskommt und dessen Persönlichkeit auch abseits des Rechners durch diese Abhängigkeit geprägt ist. Stundenlang surft er im Netz, spielt Onlinespiele oder besucht die Seiten sozialer Netzwerke. Der Süchtige schafft es dabei nicht mehr, seine Zeit im Netz zu begrenzen oder auf das Internet zu verzichten – ähnlich wie bei einem Alkoholabhängigen, der nicht mehr ohne Alkohol auskommt. Aktivitäten außerhalb der virtuellen Welt finden kaum mehr statt, die Betroffenen ziehen sich oft von anderen Menschen zurück und vernachlässigen ihren Alltag.

Ob für diese Form der Sucht auch biologische Faktoren, beispielsweise ein geänderter Hirnstoffwechsel oder Genveränderungen, eine Rolle spielen, sei bisher unklar gewesen, berichten Montag und sein Team. Sie haben daher in ihrer Studie gezielt untersucht, ob Internetsüchtige sich von nicht Süchtigen in Bezug auf bestimmte Gene unterscheiden.

132 Internetsüchtige genetisch untersucht

Für ihre Studie befragten die Forscher zunächst 843 Menschen zu ihrem Internetverhalten, um potenziell Süchtige zu finden. Nach Auswertung der Fragebögen zeigte sich, dass 132 Frauen und Männer ein problematisches Verhalten im Umgang mit dem Online-Medium aufwiesen: Sie befassten sich auch im Alltag gedanklich ständig mit dem Internet und fühlten sich in ihrem Wohlbefinden stark beeinträchtigt, wenn sie darauf verzichten mussten. Im nächsten Schritt verglichen die Forscher das Erbgut der 132 problematischen Internetnutzer mit gesunden Kontrollpersonen.

Die Analyse ergab, dass bei den Internetsüchtigen deutlich häufiger Abweichungen an einer bestimmten Genregion auftraten. Die Mutation am Gen CHRNA4 sorgte dafür, dass bei diesen Menschen eine Untereinheit an einer Andockstelle für den Signalstoff Acetylcholin verändert war. Dieser Rezeptor aktiviere das Belohnungssystem des Gehirns, erklären Montag und seine Kollegen. Es sei bekannt, dass eine Mutation an den Genen dieses Rezeptors das Suchtverhalten fördere, beispielsweise auch bei der Nikotinabhängigkeit.

Mutation betrifft besonders oft Frauen

Die Genmutation trat besonders häufig bei den weiblichen Internetsüchtigen auf. Dieser Befund müsse noch näher untersucht werden, berichten die Forscher. „Möglicherweise ist der geschlechtsspezifische genetische Befund auf eine spezielle Untergruppe der Internetabhängigkeit, wie zum Beispiel die Nutzung von sozialen Netzwerken oder Ähnlichem zurückzuführen“, vermutet Montag.

Generell sind noch Studien mit mehr Probanden erforderlich, um den Zusammenhang zwischen der Mutation und dem Internetsuchtverhalten weiter zu untersuchen. „Die Daten zeigen aber bereits jetzt, dass es deutliche Hinweise auf molekulargenetische Ursachen der Internetsucht gibt“, sagt Montag. Mit der Mutation habe man nun auch einen biologischen Marker gefunden, mit dem man das Online-Suchtverhalten neurowissenschaftlich erkennen könne. „Wenn solche Zusammenhänge besser verstanden sind, ergeben sich daraus außerdem wichtige Anhaltspunkte für bessere Therapien“, so der Wissenschafler.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 30.08.2012
  • Autor/in: vitanet.de-cd
  • Quellen: dapd
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