Wenn alles schwankt

Schwindelbeschwerden sind weit verbreitet. Sie können nur gut behandelt werden, wenn die genaue Ursache bekannt ist.

Frau leidet unter Schwindel © iStock
(München – 10.10.2011) Statistisch gesehen leidet jeder vierte Mensch mindestens einmal in seinem Leben längere Zeit unter Schwindel, sagt Michael Strupp, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Schwindel ist zunächst einmal keine Krankheit sondern eine Sinneswahrnehmung“, betont der Neurologieprofessor, der die Schwindelambulanz am Münchner Uniklinikum leitet. „Er entsteht, wenn das Gleichgewichtsorgan im Innenohr falsche Informationen ans Gehirn meldet.“ Die räumliche Orientierung wird dadurch beeinträchtigt oder geht ganz verloren.

Schwindel kann zu einem ernsten Problem werden, wenn er ohne offenkundigen Anlass oder ständig auftritt. Betroffene hätten häufig eine wahre Ärzte-Odyssee hinter sich, bevor ihnen die richtige Diagnose gestellt wird, erklärt Neurologe Strupp. So mache ein Internist womöglich den Bluthochdruck verantwortlich, der Augenarzt Sehstörungen, der Orthopäde die Halswirbelsäule und der Psychiater ungelöste Probleme in der Partnerschaft.

Psychische oder körperliche Ursachen?

Eine häufige Form des Schwindels ist der sogenannte gutartige Lagerungsschwindel. Er tritt beispielsweise auf, wenn im Liegen die Position des Kopfes geändert wird. Mitunter werden bei dieser Art psychische Ursachen vermutet. Der gutartige Lagerungsschwindel entsteht jedoch durch eine Störung im Gleichgewichtsorgan, das im Innenohr sitzt. Winzige Steinchen, die dort eine zentrale Rolle bei der Sinneswahrnehmung spielen, lösen sich dabei aus ihrer vorbestimmten Position und kullern bei jeder Kopfbewegung in den Bogengängen des Innenohrs hin und her. Schwindelattacken sind die Folge.

Im Fall des gutartigen Lagerungsschwindels können die Steinchen durch bestimmte Kopfwendungen wieder in die richtige Stellung gebracht werden, sodass die Beschwerden aufhören. „Dieses Befreiungsmanöver hilft bei 19 von 20 Patienten“, betont Neurologe Strupp. Mit knapp 20 Prozent aller Diagnosen sei der gutartige Lagerungsschwindel im Übrigen die häufigste Ursache für Schwindelsymptome, die unbehandelt bei jedem dritten Patienten dauerhaft bestehen blieben.

Diagnostik ist das A und das O

Eine wirksame Behandlung von Schwindel steht und fällt mit einer gründlichen Befragung des Patienten und einer ausführlichen Diagnostik, betont Christoph Helmchen von der Schwindelambulanz des Uniklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck. Grundsätzlich werde zwischen zwei Schwindelarten unterschieden: Betroffene, die an Schwankschwindel leiden fühlen sich wie auf einem Boot bei unruhigem Seegang. Patienten mit Drehschwindel haben Empfindungen als ob sie in einem Karussell sitzen.

Drehschwindel weist oftmals auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans hin. „Darüber hinaus ist es für uns wichtig, zu wissen, wie lange das Schwindelgefühl anhält und wie häufig es auftritt. Das kann nur wenige Sekunden oder Minuten, aber auch Stunden dauern“, erklärt Christoph Helmchen. Auch die möglichen Auslöser müssen ergründet werden: Kommt der Schwindel beim Gehen? Durch Kopfdrehungen nach rechts oder links? Durch Husten oder Pressen? Oder vielleicht durch eine bestimmte soziale Umgebung? Haben die Betroffenen Doppelbilder vor Augen oder leiden sie an begleitenden Sprechstörungen? All diese Informationen erlauben zumeist eine klare Zuordnung und richtige Therapie. Übrigens treten Schwindelbeschwerden bei älteren Menschen häufiger auf.

„Insgesamt können Dauer, Auslöser und Begleitsymptome auf völlig verschiedene Ursachen hindeuten: von Migräne über Durchblutungsstörungen oder Erkrankungen am Innenohr bis zu Schädigungen am Hirnstamm“, erläutert Neurologe Strupp: „Um die Ursachen zu klären, braucht man aber oft gar keine großen Apparate sondern vor allem das ausführliche Gespräch.“
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