Immunsystem auf Sparflamme

Babys werden mit gedrosseltem Immunsystem geboren – und das aus gutem Grund: So wird scheinbar eine lebensgefährliche Sepsis verhindert.

Baby © iStock
(Hannover – 16.05.2017) Das Immunsystem von Säuglingen scheint im ersten Jahr nach der Geburt absichtlich auf Sparflamme zu arbeiten. Das zeigt eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universitäten Bonn und Münster. Es wird angenommen, dass die Natur dadurch verhindert, dass die Immunabwehr nach der Geburt zu stark auf Bakterien und Fremdstoffe außerhalb des Mutterleibs reagiert. Die Ergebnisse könnten auch neue therapeutische Ansätze ermöglichen, um Säuglinge vor einer Sepsis zu schützen. Dabei handelt es sich um eine lebensgefährliche Entzündungsreaktion, die besonders häufig Frühgeborene trifft.

Sparmodus verhindert vermutlich Sepsis

Dass die Immunzellen von Neugeborenen nur in sehr geringem Maße Entzündungen auslösen, ist schon lange bekannt. Bislang dachte man, das Immunsystem sei bei Säuglingen noch nicht ganz ausgereift und daher nicht besonders schlagkräftig. Die Ergebnisse der neuen Studie lassen an dieser Deutung jedoch Zweifel aufkommen: „Wir vermuten, dass dieser verminderten Entzündungsantwort eine spezifische und sinnvolle Programmierung zugrunde liegt“, erklärt Dr. Thomas Ulas vom LIMES-Institut der Universität Bonn.

Sobald das Neugeborene den Mutterleib verlässt, kommt es schlagartig mit zahllosen unbekannten Bakterien und Fremdstoffen in Kontakt. „Das ‚Sparprogramm‘ verhindert vermutlich, dass die körpereigenen Abwehrtruppen in unzählige Scharmützel verwickelt werden“, sagt Dr. Sabine Pirr von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Folge könnte sonst nämlich eine lebensgefährliche starke Entzündungsreaktion sein – eine Sepsis. Zudem sind viele der unbekannten Mikroorganismen gar keine Krankheitserreger. So funktioniert der Darm nur dann so, wie er soll, wenn er mit bestimmten Bakterien besiedelt wurde. Auch aus diesem Grund muss sich das Immunsystem zurückhalten.

„Angezogene Handbremse“ wird nach und nach gelöst

Die Studie zeigt, wie das Immunsystem in den Monaten nach der Geburt zunächst mit angezogener Handbremse läuft. Diese wird sukzessive gelöst, bis die körpereigene Abwehr des jungen Kindes nach ungefähr einem Jahr seine volle Schlagkraft erlangt. „Wir haben dazu zu verschiedenen Zeiten Neugeborenen Blutproben entnommen und die Programmierung der Immunzellen analysiert“, so die Leiterin der Studie Prof. Dr. Dorothee Viemann von der Klinik für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Babys, die zu wenig Alarmine bilden, fehlt die Handbremse

Ergänzt wurde die Arbeit durch eine sogenannte Transkriptom-Analyse. Dabei wird untersucht, welche Bereiche der genetischen Bauanleitung zu einem bestimmten Zeitpunkt abgelesen werden. Normalerweise lösen bestimmte Substanzen – etwa in der Hülle von Bakterien – Entzündungen aus, indem sie ein bestimmtes genetisches Programm anschalten. Neugeborene produzieren jedoch Stoffe, die das verhindern – die S100-Alarmine. Diese werden ab dem Zeitpunkt der Geburt freigesetzt.

Im Laufe der ersten Lebenswochen werden immer weniger dieser S100-Alarmine produziert. Gleichzeitig werden andere Mechanismen aktiviert, die anstelle der Alarmine das Immunsystem regulieren können. „Diese Programme sind bei Neugeborenen noch weitgehend inaktiv“, erklärt Viemann. „Kindern, die nach der Geburt zu wenig Alarmine bilden, fehlt die Handbremse, weshalb sie ein massiv erhöhtes Risiko für schwere Infektionsverläufe haben.“

Alarmingabe könnte schwere Sepsisverläufe verhindern

Von einer solchen Sepsis sind besonders häufig Frühgeborene betroffen, da oft erst zum normalen Geburtszeitpunkt die nötige Alarminmenge erreicht wird. Durch die Gabe von S100-Alarminen könnten sich daher vielleicht schwere Sepsisverläufe verhindern lassen. In Experimenten mit Mäusen hat sich dieser Ansatz bereits als vielversprechend erwiesen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 16.05.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Medizinischen Hochschule Hannover: Babys werden mit gedrosseltem Immunsystem geboren
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