THC gegen Hirnalterung

Forscher haben herausgefunden: Cannabis kehrt bei Mäusen Alterungsprozesse im Gehirn um. Das könnte neue Therapiemöglichkeiten für Demenz eröffnen.

Wissenschaftlerin mit Cannabispflanze © iStock
(Bonn – 10.05.2017) Mit zunehmendem Alter nimmt die Gedächtnisleistung ab. Cannabis kann diese Alterungsprozesse im Gehirn umkehren, wie Wissenschaftler der Universität Bonn mit Kollegen der Hebrew University in Jerusalem an Mäusen zeigen konnten. Alte Tiere konnten durch eine längere niedrig dosierte Behandlung mit einem Cannabis-Wirkstoff in den Zustand von zwei Monate jungen Mäusen zurückversetzt werden. Dies eröffnet zum Beispiel neue Optionen für die Behandlung von Demenz. Die Ergebnisse werden nun im Fachjournal „Nature Medicine“ vorgestellt.

Auch unser Gehirn altert

Wie jedes andere Organ altert auch unser Gehirn. In der Folge nimmt mit zunehmendem Alter die kognitive Leistungsfähigkeit ab. Dies bemerkt man zum Beispiel daran, dass es schwerer wird, Neues zu erlernen oder mehreren Dingen gleichzeitig Aufmerksamkeit zu widmen. Dieser Prozess ist normal, kann aber auch Demenzerkrankungen befördern. Schon lange suchen Forscher nach Möglichkeiten, diesen Prozess zu verlangsamen oder gar umzukehren.

Behandlung mit THC kehrte Leistungsverlust um

Das ist Wissenschaftlern der Universität Bonn und der Hebrew Universität bei Mäusen nun gelungen. Diese Tiere haben in der Natur nur eine relativ kurze Lebenszeit und zeigen bereits im Alter von zwölf Monaten starke kognitive Defizite. Die Forscher verabreichten Mäusen im Alter von zwei, zwölf oder 18 Monaten über einen Zeitraum von vier Wochen eine geringe Menge an THC – dem aktiven Inhaltsstoff der Hanfpflanze (Cannabis).

Danach testeten sie das Lernvermögen und die Gedächtnisleistungen der Tiere – darunter zum Beispiel das Orientierungsvermögen und das Wiedererkennen von Artgenossen. Mäuse, die nur ein Placebo verabreicht bekamen, zeigten natürliche altersabhängige Lern- und Gedächtnisverluste. Die kognitiven Funktionen der mit Cannabis behandelten Tiere waren hingegen genauso gut wie die von zwei Monate alten Kontrolltieren. „Die Behandlung kehrte den Leistungsverlust der alten Tiere wieder komplett um“, sagt Prof. Dr. Andreas Zimmer vom Institut für Molekulare Psychiatrie der Universität Bonn.

Jahrelange Forschung

Dieser Behandlungserfolg ist das Ergebnis jahrelanger akribischer Forschung. Zunächst fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Gehirn viel schneller altert, wenn Mäuse keinen funktionsfähigen Rezeptor für THC besitzen. Bei diesen sogenannten Cannabinoid-1-Rezeptoren (CB1) handelt es sich um Proteine, an die Substanzen andocken und dadurch eine Signalkette auslösen. CB1 ist auch der Grund für die berauschende Wirkung von THC in Cannabis-Produkten wie Haschisch oder Marihuana, die sich an den Rezeptor anlagern.  

THC ahmt die Wirkung von körpereigenen Cannabinoiden nach, die wichtige Funktionen im Gehirn erfüllen. „Mit steigendem Alter verringert sich die Menge der im Gehirn natürlich gebildeten Cannabinoide“, so Zimmer. „Wenn die Aktivität des Cannabinoidsystems abnimmt, dann finden wir ein rasches Altern des Gehirns.“

Um herauszufinden, was die THC-Behandlung alter Mäuse genau bewirkt, untersuchten die Forscher das Gehirngewebe und die Genaktivität der behandelten Mäuse. Die Befunde waren überraschend: Die molekulare Signatur entsprach nicht mehr der von alten Tieren, sondern war vielmehr der junger Tiere ähnlich. Auch die Zahl der Nervenzellverknüpfungen im Gehirn nahm wieder zu, was eine wichtige Voraussetzung für das Lernvermögen ist. „Es sah so aus, als hätte die THC-Behandlung die molekulare Uhr wieder zurückgesetzt“, erklärt der Experte.

Klinische Studie am Menschen sollen folgen

Die Dosierung des verabreichten THCs war so niedrig gewählt, dass eine Rauschwirkung bei den Mäusen ausgeschlossen war. Cannabisprodukte sind bereits als Medikamente zugelassen – zum Beispiel für die Schmerzbekämpfung. Die Forscher wollen im nächsten Schritt in einer klinischen Studie untersuchen, ob THC auch beim Menschen Alterungsprozesse des Gehirns umkehren und die kognitive Leistungsfähigkeit wieder steigern kann.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 10.05.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Cannabis kehrt Alterungsprozesse im Gehirn um
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