Neue Therapie bei Adipositas

Bei fettleibigen Menschen helfen Ernährungsumstellung und Bewegung zur Gewichtsreduktion nur kurzfristig. Was laut Experten bessere Wirkung zeigt.

Übergewichtige Frau isst Brokkoli © iStock
Mainz – Ernährungsumstellung und mehr Bewegung erzielen bei Menschen mit starker Fettleibigkeit oft nur eine begrenzte Wirkung. Das Problem ist nicht die Gewichtsabnahme, sondern das Halten des reduzierten Gewichts. Immer häufiger raten Ärzte Patienten, die sehr fettleibig sind, deshalb zu einer Operation mit Magenverkleinerung oder Magenbypass. Zudem könnte eine neue Therapie mit bestimmten Medikamenten, die die Wirkung von Darmhormonen nachahmen – Menschen mit ausgeprägter Fettleibigkeit (Adipositas) langfristig helfen.

Jeder Vierte leidet an Adipositas

Die Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland ist mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 25 übergewichtig – ein Viertel mit einem BMI von über 30 sogar fettleibig. Adipositas gefährdet zunehmend die Gesundheit der Bevölkerung. „Adipositas kann zu schweren Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Fettleber und Bluthochdruck führen“, sagt Prof. Dr. Matthias M. Weber von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Fettleibige Menschen leiden häufiger an Herzinfarkt, Schlaganfall, Demenz, Depressionen, Gelenkerkrankungen, obstruktiver Schlafapnoe und einigen Krebsarten. „Zudem sterben sie früher. Bei einem BMI von über 40 sind es zwölf Jahre“, so Weber, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie der Universitätsmedizin Mainz.

Ernährungsumstellung und Bewegung langfristig nicht erfolgreich

Heute weiß man, dass die konservative Adipositastherapie langfristig selten erfolgreich ist. Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene an der Universitätsmedizin Leipzig, erklärt: „Es besteht kein Zweifel daran, dass Adipositas im Wesentlichen durch hyperkalorische Ernährung und Bewegungsmangel entsteht.“ Doch das Konzept „Weniger essen und mehr bewegen“ ist langfristig meist nicht von Erfolg gekrönt, wenn man sich den Effekt der Therapie nach einem längeren Zeitraum ansieht. Die Patienten, die ihren Lebensstil ändern, nehmen im ersten halben Jahr etwa zehn Prozent ihres Körpergewichtes ab und dann in den folgenden sechs Monaten wieder zu. Nach einem Jahr bleibt so dauerhaft ein Gewichtsverlust von zwei Prozent.  

Bei der medikamentösen Therapie mit Tabletten, bei der das Hungergefühl gedämpft oder die Nahrungsaufnahme im Magen-Darm-Trakt gehemmt wird, sieht es etwas besser aus – aber auch hier nehmen die Menschen ab und dann wieder zu. Nach zwölf Monaten haben sie dauerhaft nur etwa acht Prozent Gewicht reduziert. Die Herausforderung ist also, nicht nur abzunehmen, sondern das niedrigere Gewicht auch langfristig zu halten.

Magenoperation kann das Gewicht dauerhaft reduzieren

„Nur von der bariatrischen Chirurgie – also der Magenverkleinerung, dem Magenband oder dem Magenbypass – wissen wir derzeit verlässlich, dass das Gewicht dauerhaft reduziert werden kann“, sagt Blüher. Zu einem langfristigen Therapieerfolg nach der Adipositas-Chirurgie gehört laut dem Experten allerdings auch ein multimodales Therapiekonzept zur optimalen Vorbereitung und eine strukturierte Langzeitnachsorge.

Inkretin-Analoga: Hilfe aus der Spritze

Hoffnungen setzt der Adipositas-Experte auf neue Medikamente aus der Gruppe der Inkretin-Analoga. Aufbauend auf vielversprechenden Daten sollen zukünftig Moleküle eingesetzt werden, die gewichtsreduzierende Effekte von Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1) mit denen von Glucagon und glukoseabhängigem insulinotropen Polypeptide (GIP) kombinieren. Die als Spritze verabreichten Substanzen ahmen die Wirkung des Darmhormons GLP-1 nach. Dieses regt die Insulinfreisetzung an, verzögert die Magenentleerung, führt zu einem früheren Sättigungsgefühl und dämpft den Appetit.  

„Inkretin-Analoga wie Liraglutid werden jetzt bereits erfolgreich bei Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 eingesetzt. Wir kennen bereits die gewichtsreduzierende Wirkung“, erklärt Blüher. Aus Tierversuchen wissen die Experten zudem, dass die Effekte dieser Therapie mit denen der Chirurgie vergleichbar sein könnten. Der Adipositas-Experte hofft, dass in den nächsten Jahren weitere Mittel hinzukommen: „Der kombinierte Einsatz könnte zu einer deutlich stärkeren Gewichtsreduktion führen und eine Operation dann in vielen Fällen unnötig machen.“
Autoren und Quellen Aktualisiert: 10.04.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: Fettleibigkeit: Mit Spritzen oder Skalpell der Adipositas auf den Leib rücken
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