Hören dank Stammzellen

Bei Hörverlust oder starker Schwerhörigkeit durch Schäden an den Hörnerven könnte in Zukunft eine Stammzellentherapie helfen.

Frau hört © Thinkstock
(London – 14.09.2012) Wenn die feinen Härchen im Innenohr beschädigt oder missgebildet sind, kann das Ohr Schallwellen nicht mehr registrieren und der Mensch wird schwerhörig oder sogar taub. Zwar können Hörprothesen wie das sogenannte Cochlea-Implantat den Verlust dieser sensorischen Haarzellen heute bereits teilweise ausgleichen. Anstatt über die Haarzellen werden dabei die Schallwellen elektronisch an die Hörnerven weitergegeben. Dazu müssen diese Nerven jedoch intakt sein. „Für Fälle, in denen auch die Hörnerven beschädigt sind, gab es bisher keine Behandlung“, erklären die Wissenschaftler Wei Chen von der University of Sheffield und seine Kollegen.

Das internationale Forscherteam startete deshalb eine Studie mit dem Ziel, speziell für diese Patienten eine Therapie zu entwickeln und nutzten dazu Stammzellen. Damit wollten sie die zerstörten Hörnerven ersetzen und so auch Patienten mit dieser häufigen Form der Schwerhörigkeit helfen.

Sensorische Haarzellen und Hörnervenzellen wachsen lassen

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher stark schwerhörige Mäuse und embryonale Stammzellen des Menschen. Diese Zellen besitzen noch das Potenzial, nahezu alle Zell- und Gewebetypen hervorzubringen. Um Stammzellen anzuregen, sich in eine bestimmte Zellart umzuwandeln, bedarf es bestimmter Signalstoffe. In vorhergehenden Versuchen mit Zellkulturen hatten die Forscher bereits zwei Signalstoffe identifiziert, die bei Mäusen die Bildung von Hörzellen fördern.  

Da der Organismus der Nager dem menschlichen stark gleicht, versuchten sie, mit den gleichen Signalstoffen nun auch menschliche Stammzellen zur Umwandlung anzuregen. „Die beiden Substanzen brachten die Stammzellen dazu, zwei verschiedene Typen von Vorläuferzellen zu produzieren“, schreiben Chen und seine Kollegen im Fachmagazin „Nature“. Diese erwiesen sich als Vorstufen der sensorischen Haarzellen und der Hörnervenzellen.

Besseres Hörvermögen nach vier Wochen

Um die Funktionalität dieser Vorläufer im lebenden Organismus zu testen, implantierten die Forscher die aus den Stammzellen erzeugten Vorläuferzellen in die Hörschnecke schwerhöriger Wüstenrennmäuse. Bei diesen waren zuvor Haarzellen und Hörnerven durch ein chemisches Mittel zerstört worden. Die Wissenschaftler beobachteten die Mäuse über zehn Wochen hinweg. In dieser Zeit wuchs in den Mäuseohren nicht nur die Nervendichte merklich, nach vier Wochen fing auch ihr Hörvermögen an, sich zu verbessern, wie die Forscher berichten. Die Tiere konnten im Verlauf des Untersuchungszeitraums immer leisere Geräusche wahrnehmen. Während nicht transplantierte Kontrolltiere erst Geräusche mit einem Schalldruck von 50 Dezibel und mehr wahrnahmen, sank die Hörschwelle bei den behandelten Mäusen auf knapp 30 Dezibel ab.

Dieses Ergebnis deute darauf hin, dass die Stammzellentherapie das Hörvermögen auch beim Menschen wiederherstellen könne, sagen die Forscher. Sie denken dabei vor allem an jene Patienten, bei denen ein Cochlea-Implantat keine Wirkung zeigt, da ihr Hörnerv beschädigt ist. Beide Therapien könnten sich künftig in ihrer Wirkung ergänzen und so einer breiten Masse an Hörgeschädigten helfen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 14.09.2012
  • Autor/in: vitanet.de-mp
  • Quellen: dapd
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