OP statt Insulin – neue Leitlinie empfiehlt metabolische Chirurgie

Ist der Body-Mass-Index (BMI) einer Person höher oder gleich 40 und ist sie zudem an Typ-2-Diabetes erkrankt – dann empfiehlt eine neue Leitlinie eine sofortige Operation. Der Grund: Magenoperationen bewirken eine schnelle Verbesserung der Folgeschäden von Diabetes.

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(Leipzig – 30.05.2018) Über zwei Jahre haben Ärzte, Patientenvertreter und Selbsthilfegruppen aus Deutschland an dieser Leitlinie gearbeitet, um die Behandlung von Adipositas und metabolischen Erkrankungen zu optimieren.

Was besagt die neue Leitlinie?

Der Kerninhalt der neuen S3-Leitlinie „Chirurgische Therapie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ ist: Übergewichtige Patienten mit einem „Body Mass Index“ (BMI) von 40 und höher, die gleichzeitig an einem Typ-2-Diabetes leiden, wird zukünftig eine sofortige Operation empfohlen. Der Grund: Konservative Therapien führen in diesen Fällen nicht zu einer Reduzierung des Risikos von Schlaganfällen und Herzinfarkten und eine nachhaltige Gewichtsreduktion wird meist nicht erreicht.

Außerdem wird in der Leitlinie erstmals zwischen der klassischen Adipositas-Chirurgie und der metabolischen Chirurgie unterschieden. So empfiehlt die Leitlinie in der klassischen Adipositas-Chirurgie – also wenn der Betroffene nicht zusätzlich an Diabetes Typ 2 erkrankt ist –, dass bei einem BMI über/gleich 50, sofort über eine OP nachgedacht werden soll, da konservative Therapien in diesem hohen BMI-Bereich kaum Erfolgsaussichten haben.

„Operationen zeigen nachhaltig guten Erfolg, vor allem was Langzeitüberleben und Lebensqualität betrifft“, sagt Prof. Arne Dietrich, Geschäftsführender Direktor der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätklinikums Leipzig. „Diät und Sport, was natürlich jeder Übergewichtige oder Adipöse zuerst versuchen sollte, führen nur extrem selten zu einem bleibenden Erfolg im BMI-Bereich über 50.“

Das Ziel aller Operationen ist nicht primär die Gewichtsreduktion, sondern ein verbesserter Gesundheitszustand, höhere Lebensqualität und Lebenserwartung – erreicht über die Gewichtsreduktion.
Leitlinien
Leitlinien gelten allgemein als wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Handlungsempfehlungen, sind jedoch keine gesetzlichen Regelungen.

Adipositaschirurgie verhindert Diabetes-Folgeschäden besser als medikamentöse Therapie

Vorausgegangen ist der neuen Leitlinie eine Literaturstudie von Wissenschaftlern der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie des Universitätsklinikums Heidelberg. Das Ergebnis der Studie besagt: Eine gewichtsreduzierende Operation von stark adipösen Patienten mit Typ-2-Diabetes verhindert Langzeitschäden an kleinsten Gefäßen deutlich besser als die bisherige medikamentöse Therapie.

Die Studie beruht auf der Meta-Analyse von zehn nach strengen Qualitätskriterien ausgewählten, internationalen Veröffentlichungen und wurde im "British Journal of Surgery" publiziert. „Eine große von uns berücksichtigte Untersuchung zeigte, dass bei der bisherigen Therapie statistisch gesehen 250 Patienten vergeblich einer intensiven Insulin-Therapie ausgesetzt werden müssen, um einen einzigen vor einer Nephropathie (Nierenerkrankung) zu bewahren. Demgegenüber verbessert sich laut Statistik eine bestehende Nephropathie bei jedem zweiten Patienten in Folge einer gewichtsreduzierenden Operation.“, sagt Prof. Dr. Beat Müller, Senior-Autor der Studie.

Zu den mit Diabetes einhergehenden Gefäßschäden gehören diabetische Nephropathie, Neuropathie und Retinopathie – also Schäden an Nieren, Nerven und Augen. Langfristig können sie zu Blutwäsche (Dialyse), Amputationen und Blindheit führen. Das Risiko dafür war bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, die sich einer Operation unterzogen, im Vergleich zu auf herkömmliche Weise behandelten Patienten um das Vierfache verringert. In Bezug auf die Entstehung von Nierenschäden (Nephropathie) – sie führen häufig zu Dialysepflicht – zeigte sich, dass die Chirurgie fünfzehnmal effektiver ist als die bisher übliche konservative internistische Therapie. Eine gewichtsreduzierende Operation kann bei Typ-2-Diabetikern sogar dazu führen, dass sich die Nieren wieder komplett erholen.

Verbesserte Blutzuckerwerte durch Magenbypass

Ein typisches Verfahren der Adipositaschirurgie ist der Magenbypass. Durch eine Operation, wird der Magen durch einen Teil des Dünndarms überbrückt – das Magenvolumen wird verkleinert – es entsteht ein sogenannter Schlauchmagen. „Eine Verbesserung der Blutzuckerwerte zeigt sich bereits kurz nach der Operation, noch bevor die Patienten ein Kilogramm an Gewicht verloren haben.“, sagt Prof. Dr. Beat Müller. Warum diese Operationen so wirksam sind, ist aber noch nicht geklärt: „Anscheinend sind andere Mechanismen für die Entstehung der Gefäßschäden bei Diabetes Typ 2 relevant, die von einer Operation positiv beeinflusst werden. Die Aufklärung der exakten Auswirkungen auf den gesamten Stoffwechsel wird Fragestellung weiterer Forschungsarbeiten der Zukunft sein".  

Ohne Risiko ist eine Operation aber nicht – auch wenn Mediziner mit Methoden der minimal invasiven Chirurgie arbeiten. Außerdem wird das zukünftige Leben der Betroffenen weiter von der Erkrankung geprägt sein, denn er muss auf eine besondere Ernährung achten, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.

Die Krankheit Adipositas

Adipositas ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit dem Jahr 2000 eine anerkannte Krankheit. Von Adipositas – auch Fettsucht genannt – spricht man ab einem BMI von 30. Die Ursaschen sind komplex und „man kann die Krankheit leider zu oft nicht einfach durch eine reine Änderung des Lebensstils rückgängig machen“, sagt  Prof. Dietrich. Adipositas geht zudem oft mit einer Reihe bedeutsamer Erkrankungen einher, wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Asthma, Schlafapnoesyndrom, bestimmte Krebsarten oder Lebererkrankungen. Adipositas reduziert die Lebenserwartung merklich.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 30.05.2018
  • Autor/in: vitanet.de; kw
  • Quellen: Pressemitteilung des Universitätsklinikums Leipzig vom 22.05.2018: Bei BMI größer 40 und Typ 2-Diabetes: Neue S3-Leitlinie empfiehlt sofortige Operation.
  • Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg vom 13.02.2018. Adipositaschirurgie kann stark übergewichtige Typ-2-Diabetiker vor Folgeschäden schützen.