Diabetiker dürfen grundsätzlich Auto fahren – bis auf wenige Ausnahmen

Fast alle Diabetesbetroffenen können am Straßenverkehr teilnehmen, sowohl im Privat-Pkw als auch beruflich als Busfahrer, im Lastwagen oder Taxi. Das ist die zentrale Aussage der Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“.

Paar im Auto. © iStock
(Berlin – 29.05.2018) Erstmals wurde auf wissenschaftlich fundierter Grundlage die Fahrtauglichkeit bei Diabetes bewertet und eine europäische Leitlinie zu Diabetes und Straßenverkehr verfasst.

Nutzen der Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“

Fast sechs Millionen Diabetiker in Deutschland besitzen einen Führerschein – schätzungsweise jeder zehnte Führerscheininhaber hat Diabetes. Durch die verfasste Leitlinie – sie gilt bis 22. November 2022 – liegen jetzt klare Handlungsempfehlungen vor für Ärzte, Verkehrsmediziner, Amtsärzte, Diabetesberater, Psychologen, Behörden und Versicherungsfachleute. „Die neue Leitlinie dürfte dazu beitragen, die Sicherheit im Straßenverkehr insgesamt zu verbessern“, sagt Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Rückblick

Bislang gab es keine anerkannten medizinisch-wissenschaftlichen Grundsätze zur Bewertung der Fahreignung bei Diabetes. „Damit bestand eine erhebliche haftungsrechtliche Grauzone für Ärzte und Behandlungspersonal“, sagt Rechtsanwalt Oliver Ebert, Koordinator und Mitautor der Leitlinie, zugleich Vorsitzender des Ausschusses Soziales der DDG. Häufig wurde die Meinung vertreten, dass insulinpflichtige Patienten nicht als Busfahrer oder Lkw-Fahrer arbeiten können oder ein hoher Langzeitblutzuckerwert einen Grund zur Verweigerung des Führerscheins darstellt. Die Leitlinie widerlegt beides. „Nach allen verfügbaren Untersuchungen ist die Unfallhäufigkeit bei Menschen mit Diabetes nur unwesentlich erhöht“, sagt DDG Experte Professor Dr. Reinhard Holl, Epidemiologe der Universität Ulm und ebenfalls Koordinator und Mitautor der Leitlinie. „Ein hoher HbA1c-Wert (Langzeitblutzuckerwert) an sich ist kein Grund für ein Fahrverbot, eine Insulintherapie auch nicht.“

Mehr Rechtssicherheit für Ärzte und Patienten

188 Seiten umfasst die Leitlinie – und schafft darin auch zusätzliche Rechtssicherheit für Ärzte und Patienten. Sie informiert Behandler über die fachlich gebotene Vorgehensweise, einschließlich Patientenaufklärung. „Ein Arzt, der sich an diese wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen hält, muss grundsätzlich keine Haftung befürchten“, sagt Oliver Ebert.  

Patienten wiederum können einfacher gegen ein fehlerhaftes Gutachten vorgehen und einen drohenden Verlust der Fahrerlaubnis abwenden. „Das schützt vor Diskriminierung und Ausgrenzung, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und sichert berufliche Existenzen“, sagt Dr. Baptist Gallwitz.

Diabetes: Wer darf nicht fahren?

Gründe, die Fahreignung zu verlieren, sind: eine unbehandelte Schlaf-Apnoe oder wiederholte schwere Unterzuckerungen. „Bei zwei schweren Unterzuckerungen im Wachzustand innerhalb eines Jahres darf man zunächst nicht mehr Auto fahren“, sagt Dr. Reinhard Holl. Die Leitlinie nennt Möglichkeiten und Tipps, die Gefahr von Unterzuckerungen zu verringern und die Fahrtauglichkeit damit wiederzuerlangen – beispielsweise eine Medikamentenumstellung, Wahrnehmungsschulungen oder eine kontinuierliche Glukosemessung mit akustischer Warnfunktion. Außerdem sollte „jeder Insulinpatient vor Fahrtantritt den Blutzucker messen und schnellwirkende Kohlenhydrate etwa in Form von Traubenzucker im Auto griffbereit haben“, sagt Holl.

Eine vorübergehende Fahruntauglichkeit gilt – bis der Blutzuckerstoffwechsel wieder stabil ist – bei schweren Stoffwechselentgleisungen, in der Einstellungsphase auf Insulin oder bei anderen wichtigen Therapieumstellungen oder Dosisänderungen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 28.05.2018
  • Autor/in: vitanet.de; kw
  • Quellen: Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vom 22.03.2018: Erste europäische Leitlinie zu Diabetes und Straßenverkehr. Diabetespatienten dürfen grundsätzlich Auto fahren – bis auf wenige Ausnahmen.