Ein unseliges Paar

Wer Diabetes hat, muss besonders auf seine Ernährung achten. Doch gerade junge Diabetikerinnen leiden häufig unter der Essstörung Bulimie.

Blutzuckermessung © Thinkstock
(Berlin – 20.06.2013) Junge Frauen mit Typ-1-Diabetes leiden fast doppelt so häufig an gestörtem Essverhalten wie gesunde Altersgenossinnen. Verbreitet ist vor allem die Bulimie. Die Kombination ist gefährlich: Betroffene riskieren durch ihren schwankenden Blutzuckerspiegel deutlich früher Folgeschäden an Augen, Nieren oder Nerven. Deshalb empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in ihrer neuen Leitlinie, Diabetespatientinnen mit Essstörungen so zeitig wie möglich psychotherapeutisch zu behandeln.

Schwankender oder dauerhaft zu hoher Blutzuckerspiegel

Menschen mit Bulimie essen in einem Anfall unkontrolliert und versuchen die überschüssigen Kalorien durch Diäten, Erbrechen oder exzessiven Sport loszuwerden. Bei einem solchen Verhalten schwankt der Blutzuckerspiegel bei Diabetikern stark.

Typisch für essgestörte Patientinnen mit Diabetes ist zudem das sogenannte „Insulin-Purging“: Sie spritzen sich gezielt zu wenig Insulin, um abzunehmen. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann mitsamt den Kalorien über den Urin aus dem Körper schwemmen. Die Frauen verlieren zwar Gewicht, verfehlen aber das Ziel ihrer Diabetestherapie: Ihr dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel führt deutlich früher zu Schäden an Gefäßen und Nerven als bei nicht essgestörten Patientinnen.

Anzeichen: Blutzucker und Gewicht schwanken

„Schwanken Blutzuckerwert und Gewicht bei einer jungen Patientin mit Typ-1-Diabetes stark, sollte eine Bulimia nervosa in Erwägung gezogen werden“, sagt Professor Dr. med. Stephan Herpertz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum. Bestätigt sich der Verdacht, empfehlen die Experten eine Psychotherapie.

„Ob ambulant, teilstationär oder stationär: Eine Psychotherapie ist die Therapie der ersten Wahl“, erklärt Privatdozent Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG. Dabei sollte sich der Therapeut mit der Zuckerkrankheit auskennen, damit sich die Patientin verstanden fühlt.

Ursache oft ein Selbstwertkonflikt

Typ-1-Diabetes entwickelt sich häufig im jugendlichen Alter, erläutert Herpertz – einer Zeit also, in der sich Menschen intensiv mit dem eigenen Selbstwert auseinandersetzen. Diagnose und Behandlung der Zuckerkrankheit stellten diesen Selbstwert oft infrage: Betroffene Jugendliche müssen eine Diät einhalten, auf Alkohol verzichten, Medikamente nehmen, Insulin spritzen. Entwickeln die Patientinnen eine Essstörung, so hänge dies in der Regel mit dem Selbstwertkonflikt zusammen. „Hier muss die Therapie ansetzen“, sagt Herpertz. Wichtig sei auch, bei jungen Patientinnen die Familie in die Behandlung mit einzubeziehen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 20.06.2013
  • Autor/in: vitanet.de-cl
  • Quellen: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Suche nach Netzwerk- & Servicepartnern
Zertifizierung