Sucht im Alter

Normalerweise werden Suchtprobleme eher mit jüngeren Menschen in Verbindung gebracht. Doch auch Ältere haben damit zu kämpfen.

(Hamburg/Wasserburg – 20.10.2011) Suchterkrankungen sind auch unter Senioren verbreitet. „Vor allem der übermäßige Konsum von Alkohol, Tabak oder Medikamenten ist bei Älteren ein Problem“, berichtet Gabriele König, Leiterin des Suchttherapiezentrums Hamburg. Manche seien schon in jüngeren Jahren süchtig geworden und trügen diese Abhängigkeit mit ins Alter.

„Bei anderen wird der Konsum erst im Alter problematisch“, sagt König. Veränderungen der Lebensgewohnheiten, beispielsweise durch den Eintritt in den Ruhestand oder das Gefühl der Einsamkeit nach dem Verlust des Partners könnten die Auslöser sein. Auch das Zusammenspiel von Alkohol und Medikamenten kann zum Problem werden.

Stürze, Atemnot, Depressionen

Das Thema Sucht im Alter wird von Experten jedoch häufig vernachlässigt. Dabei kann der Suchtmittelmissbrauch zu erheblichen körperlichen Einschränkungen führen. „Viele Raucher leiden beispielsweise unter extremen Atemwegsbeschwerden“, sagt Dirk Wolter von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie in Wiehl. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall steigt durch den Tabakkonsum stark an. Die gesundheitsschädlichen Folgen von Alkohol- und Beruhigungsmittelkonsum sind vielfältig. Dazu zählen Stürze, verstärkte Neigung zu Depressionen und eingeschränkte geistige Fähigkeiten. Ebenfalls kritisch ist der übermäßige und langfristige Konsum von starken Schmerzmitteln, die unter anderem zu Verwirrtheit führen können

„Viele solcher Nebenwirkungen werden bei Senioren als normale Alterserscheinungen interpretiert“, erklärt Gabriele König. Dabei könnten viele Betroffene ihr Leben ohne die Suchtmittel wesentlich lebenswerter gestalten. Es lohnt sich durchaus, auch nach jahrzehntelangem Konsum noch aufzuhören, da sich viele Symptome noch zurückbilden können. „Man weiß heute, dass es sogar bei bereits bestehendem Lungenkrebs eine Verbesserung bringen kann, wenn der Patient aufhört, zu rauchen“, sagt Dirk Wolter.

Das Thema nicht totschweigen

Gabriele König ermutigt Freunde und Familienmitglieder, betroffene Senioren offen auf die Problematik anzusprechen. „Oft ist das die einzige Möglichkeit, jemanden dazu zu bringen, dass er sein Konsumverhalten kritisch sieht“, sagt die Expertin. Wichtig: Ohne Vorwürfe an das Thema herangehen und betonen, dass man sich Sorgen um die Gesundheit des Betroffenen macht. Angehörige sollten Betroffenen Hilfe anbieten und beispielsweise einen gemeinsamen Besuch bei einer Beratungsstelle vorschlagen. Viele Senioren wissen nicht, welche Hilfsmöglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen. Oft halten Beratungsstellen zudem Angebote für Angehörige bereit.

Hinweise von anderen ernst nehmen

„Ein deutlicher Hinweis auf eine Abhängigkeit ist das Gefühl, nicht mehr ohne das Suchtmittel auszukommen“, erklärt Dirk Wolter. Auch ein generell zu häufiger, zu umfangreicher, zu lange andauernder oder unkontrollierbarer Konsum ist ein Alarmsignal. „Wenn man von anderen auf seinen Konsum angesprochen wird, sollte einem das außerdem zu denken geben“, sagt der Experte. Wer den Eindruck hat, ein Problem mit einem Suchtmittel zu haben, sollte einen Arzt oder eine Suchtberatungsstelle aufsuchen.

Grundsätzlich werden bei Senioren dieselben Therapien angewendet wie bei jüngeren Abhängigen. „Oft reicht schon eine strukturierte, schrittweise Verringerung“, erklärt Wolter. Zugrundeliegende Probleme wie eine Angsterkrankung könnten in einer Psychotherapie bearbeitet werden. Wichtig sei, dass man sich an einen Arzt wendet, bevor man mit einem Entzug oder einer Reduzierung beginnt. Mitunter könnten dabei nämlich gesundheitliche Komplikationen auftreten.
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