Schamgefühle in der Pflege

Schamgefühle kommen im Pflegealltag regelmäßig auf – beim Pflegenden und beim Pflegebedürftigen. Tipps, wie Sie damit besser umgehen können.

Frau kümmert sich um pflegebedürftigen Angehörigen © iStock
(Berlin – 18.05.2017) Nacktheit und Gebrechlichkeit, Unterstützung bei intimen Dingen wie beim Toilettengang oder dem Waschen im Genitalbereich – das sind klassische Situationen, die mit Scham besetzt sind. Für die meisten ist schon die Vorstellung davon hochpeinlich. Pflegebedürftigkeit erschreckt auch deswegen viele Menschen, weil dabei solche Themen berührt werden.  

Schamgefühle sind prinzipiell eigentlich positiv. Denn sie helfen, ganz persönliche Dinge zu schützen und Grenzen zu wahren. In der Pflege können diese Intimgrenzen aber nicht immer eingehalten werden – etwa wenn der Pflegebedürftige inkontinent ist. Dann ist von den Pflegenden besonderes Feingefühl gefordert, um den Betroffenen nicht zu verletzen. Gleichzeitig haben sie häufig mit eigenen Schamgefühlen – oder auch Ekel – zu kämpfen.

Der Umgang mit Scham lässt sich erlernen

„Scham ist ganz natürlich und kommt sowohl bei Pflegebedürftigen als auch bei Pflegenden regelmäßig vor. Beherrschen jedoch Schamgefühle dauerhaft den Alltag, kann das zu psychischen oder sozialen Problemen führen. Für eine respektvolle und möglichst entspannte Pflege ist es daher wichtig zu wissen, wie man peinlich empfundene Situationen meistert. Einen hilfreichen Umgang mit Scham kann man tatsächlich lernen“, erklärt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP).

Tipps für den Umgang mit neuen Rollenverhältnissen

  • Sprechen Sie mit Menschen, die sich in der gleichen Situation befinden wie Sie – zum Beispiel in Angehörigengruppen.
  • Wenn Sie das Gefühl haben, der neuen Rolle oder der Verantwortung nicht gerecht zu werden: Scheuen Sie sich nicht, Beratung zu Unterstützungsangeboten und Pflegeleistungen in Anspruch zu nehmen.
  • Helfen Sie Ihrem Angehörigen, mit dem Schamgefühl umzugehen, indem Sie ihm das Gefühl geben, ihn anzunehmen wie er ist – und gerne für ihn zu sorgen.
  • Behalten Sie Rituale bei, die sowohl Ihnen wie auch Ihrem Angehörigen wichtig sind – zum Beispiel gemeinsames Fernsehen oder Spielen.
  • Überlassen Sie Ihrem Angehörigen Aufgaben, die er noch selbst erledigen kann und möchte, um ihm den Umgang mit der veränderten Rolle zu erleichtern.

Tipps, um das Selbstwertgefühl zu bewahren

  • Stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl, indem Sie etwas für sich selbst tun: Treffen Sie sich mit Freunden, gehen Sie ins Kino oder machen Sie Ausflüge.
  • Sie haben das Gefühl, bei der Pflege etwas nicht richtig zu machen? Dann kann Ihnen ein Pflegekurs helfen, mehr Sicherheit zu gewinnen.
  • Wenn Sie sich durch das Verhalten Ihres pflegebedürftigen Angehörigen gekränkt fühlen, sprechen Sie ihn direkt darauf an.
  • Benennen Sie Ihre Schamgrenzen klar – und überschreiten Sie sie nicht dauerhaft, sondern holen Sie sich Unterstützung.
  • Wenn Sie die Pflege seelisch zu sehr belastet, scheuen Sie sich nicht, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Um das Selbstwertgefühl des Pflegebedürftigen aufzubauen, unterstützen Sie seine Fähigkeiten. Lassen Sie ihn so viel wie möglich selbst machen – etwa die Wäsche zusammenlegen oder den Tisch decken.
  • Um die Eigenständigkeit Ihres Angehörigen zu bewahren, können Sie Hilfsmittel nutzen – zum Beispiel eine Tellerranderhöhung, die das Essen erleichtert.
  • Ermöglichen Sie dem Pflegebedürftigen, seine Gewohnheiten bei Körperpflege, Frisur und Kleidung beizubehalten.
  • Beugen Sie schlechten Gerüchen zum Beispiel durch Inkontinenzhilfsmittel vor.

Tipps für den Umgang mit Intimgrenzen

  • Finden Sie heraus, wo Ihre Schamgrenzen bei der Pflege Ihres Angehörigen liegen – etwa beim Waschen, beim Toilettengang und beim An- und Auskleiden. Nehmen Sie die Hilfe eines Pflegedienstes in Anspruch, wenn Sie mit bestimmten Situationen nicht zurechtkommen.
  • Sprechen Sie mit dem Pflegebedürftigen offen darüber, welche Pflegetätigkeiten ihnen nichts ausmachen und welche Ihnen schwerfallen.
  • Benutzen Sie zum Beispiel bei der Intimpflege Einmalhandschuhe. Das kann helfen, Scham und Ekelgefühle zu reduzieren – und außerdem ist es hygienischer.
  • Loten Sie auch die Schamgrenzen Ihres Angehörigen aus. Ist ihm zum Beispiel unangenehm, wenn Sie ihn beim Duschen und bei der Intimpflege unterstützen? Dann können Hilfsmittel wie Duschhocker oder Badewannenlifter es ihm ermöglichen, die Körperpflege so weit wie möglich selbst zu übernehmen.
  • Versuchen Sie, Ihren Angehörigen bei der Pflege durch ein Gespräch abzulenken.
  • Um dem Pflegebedürftigen das Gefühl zu nehmen, entblößt zu sein, entkleiden Sie bei der Körperpflege am besten immer nur den Körperteil, den Sie gerade waschen.
  • Erklären Sie während der Körperpflege, was Sie als nächstes machen – und fragen Sie Ihren Angehörigen, ob das für ihn in Ordnung ist.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 18.05.2017
  • Autor/in: vitanet.de-np
  • Quellen: Pressemitteilung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP): Umgang mit Scham in der Pflege kann man lernen
  • Ratgeber des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP): Umgang mit Scham
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